Startseite
  Impressum
  Dr. Bilke Antwort
  Appell für unser Land
  Matte Pau
  Stasiopfer zum Thema
  Biermann an Schorlemmer



  Links
   Catharinas HP



Webnews



http://myblog.de/freitag1

Gratis bloggen bei
myblog.de





DER SPIEGEL 49/1993 vom 06.12.1993, Seite 42-46

"Des Satans Spießgesellen"

Ein offener Brief des Schriftstellers Wolf Biermann an Friedrich Schorlemmer

Lieber Friedrich Schorlemmer . . . lieber? Wo hört die Höflichkeit auf, wo fängt die Heuchelei an? Also: Bester . . . nein: bitterböser Friederich, was wütest Du jetzt so mit der Peitsche gegen Deine natürlichen Verbündeten, die Bürgerrechtler? Jetzt, wo ein paar mächtige Politiker im Westen vor den MfS-Akten zittern müssen, sollen die Akten endgültig vernichtet werden? Kohl & Co. wollen die Akten aus der Welt schaffen. Willst Du in dieser heiklen Frage von Kohl als Edel-Ossi verbraten werden, wie der dünne Kandidat aus Dresden? Kohl wird es überleben, denn Du siehst doch, wie gemütlich er jetzt aus Heitmanns Wunden blutet.

Das war gewiß Dein Verdienst: Du engagiertest einen Schmied, der zum Kreiskirchentag in Wittenberg das Micha-Wort von den Schwertern, die zu Pflugscharen werden, in glühendes Eisen hämmerte. Und das war gewiß nicht Dein Verdienst: Bei den kirchlichen Treffen unter dem Motto "Frieden konkret" tratest Du seit 1982 nur als "Bremser" bei geplanten Aktionen auf.

Es mag eine opportunistische Feigheit gewesen sein, daß Du jungen Wehrdienstverweigerern in der DDR predigtest, sie müßten erst mal und grundsätzlich ein positives Verhältnis zum sozialistischen Staat beweisen. Hinter solchen devoten Verrenkungen konnte aber auch politische Klugheit stecken.

Ich finde es sympathisch, wenn Du, wie ich höre, Dich nun auch seelsorgerisch um ehemalige kleine Stasi-Spitzel in Deinem Kirchspiel kümmerst, die unter den Rock der Kirche kriechen. Aber warum ist der mächtige IM "Sekretär" Manfred Stolpe Dein Parteifreund und *** Heinrich Finke. ** Lothar de Maiziere. _(* Bei der Preisverleihung am 10. Oktober ) _(mit Bundespräsident Richard von ) _(Weizsäcker. ) Herzensbruder? Dieser Spitzel spreizt sich lachend auf dem brandenburgischen Thron, und Du stellst Dich vor ihn. Es gibt mißtrauische Leute, die daraus messerscharf schließen könnten, daß Du Dich selber verteidigst.

Unsere alten Gegner haben sich längst aufgerappelt. Sie nutzen die Möglichkeiten des Rechtsstaates viel cleverer als ihre ehemaligen Opfer. Sie sind längst aus der Defensive raus und befolgen die Regel: Angriff ist die beste Verteidigung. Der smarte Gregor Gysi liest dem Bonner Parlament keck die demokratischen Leviten, und er belästigt eine Ost-Berliner Traumfrau nicht mit unsittlichen Anträgen, denn sie scheint sein Alptraum zu sein. Der Rechtsanwalt dieses Rechtsanwalts, Senfft, soll erzwingen, daß Bärbel Bohley nicht mehr öffentlich sagen darf, Gysi sei ein Stasi-Spitzel gewesen. Laß Dir von Katja Havemann anhand der Akten zeigen, wie Gysi sich in der Zeit verhielt, als Robert Havemann todkrank war, als er starb.

Der drollige IM "Czerny"** laust sich fröhlich an des Kanzlers Brust und brüstet sich damit, daß er als freier Rechtsanwalt nun von genau den Gesetzeslücken lebt, die er als letzter Regierungschef der DDR im Einigungsvertrag ausgehandelt hat. Der Theologieprofessor IM "Heiner"*** darf sich als Dreyfus --- S.45 spreizen - von den offiziellen Marionetten des DDR-Regimes gar nicht zu reden. Altkanzler Schmidt stattet in alter Treue seinem Freund, dem Menschengroßhändler Vogel, im Käfig einen Solidaritätsbesuch ab. So hohe Fürsorge könnten andere gut brauchen.

Lieber Seelsorger, vergiß in der Hektik nicht, Dich auch um Deine Seele zu sorgen, denn Deine neuen Kumpane sind des Satans Spießgesellen.

Und Du siehst doch, wie die alten Stalinisten nun alle fröhlich ums Goldene Kalb des früheren Klassenfeindes tanzen. Egon Krenz genießt den Wanderzirkus wie eine neue Clowns-Nummer in der bürgerlichen Manege. Elefant Golodkowski macht den Schalk, und der Fuchs Markus Wolf markiert den Ehrenmann und Romancier. All dies beleidigt und lähmt die Bürgerrechtler und wirklichen Opfer der SED-Diktatur.

Lieber Schorlemmer, wie tapferfeige Du in den finsteren Zeiten auch immer gewesen sein magst, Du gehörst doch eher zu den Opfern des DDR-Regimes und nicht zu den Tätern. Warum also verteidigst Du nun - wörtlich: die "Opfer" der "Opfer". Und wenn Du mit Engelszungen in der Frankfurter Paulskirche redetest - die Gänsefüßchen, die Du an das eine Wort Opfer setztest, sind hinkende stinkende Teufelsfüße.

Wenn Opfer keine Opfer sind, sind Täter keine Täter. Und am Ende werden die armen Täter zu Opfern der rachsüchtigen Opfer. Und schon ist der Jude ein SS-Mann, und der SS-Mann Jude. So simpel funktioniert die Mathematik der Verdrängung.

Des Bundeskanzlers jüngster Wind darüber, daß aus den Stasi-Akten nur "üble Gerüche hochkommen", die "die ganze Atmosphäre vergiften" - er verpestet die Atmosphäre in der Bundesrepublik. Kohl wünscht sich die Akten in den Orkus. Und in diese Situation platzt nun Dein Vorschlag über den weiteren Umgang mit den Stasi-Dokumenten: _____" Am liebsten wünschte ich mir ein großes Freudenfeuer " _____" am 1. Januar 1996. "

Ich kann es nicht fassen, daß eine solche Kohlsche Blähung nun aus Deinem Munde kommt. Ich saß vor kurzem mal wieder in der Ost-Berliner Gauck-Behörde und habe in meinen neu entdeckten Akten des "ZOV Lyriker" rumgelesen. Es waren zufällig genau die Räume, die wir vor drei Jahren besetzten, Du erinnerst Dich gewiß an unseren Hungerstreik gegen die geplante Verschleppung der Akten in die ewige Finsternis.

Ich fand beim Blättern ein politisches Gedicht aus den Sechzigern - keine Genietat, aber ein poetisches Dokument, das ich nun gern in die Sammlung meiner Gedichte aus dieser Zeit einfüge. Die MfS-Genossen hatten es mir offenbar vom Schreibtisch geklaut. Soll dieses Gedicht im Freudenfeuer am 1. Januar 1996 - wie es 1933 pathetisch hieß: den Flammen übergeben werden?

Ich fand auch konfiszierte Briefe meiner Mutter und sogar einen Brief meines Vaters aus dem Zuchthaus Bremen-Oslebhausen im Jahre 1941. Meine Mutter hatte ihn mir 1969 leichtsinnig von Hamburg nach Ost-Berlin ins Kuvert gesteckt. Mein Vater wurde im Februar 1943 in Auschwitz verbrannt; ich will nicht, daß nun auch noch sein kostbarer Brief sich in Rauch über Deutschland verwandelt.

Ich entdecke in meinen Akten viel mehr gute Menschen als schlechte: Einen alten Bekannten, einen Peter F. fand ich, der als Spitzel auf mich angesetzt worden war und der heute eine hohe öffentliche Funktion innehat. In meiner Akte tauchte er als IM auf. Aber die berüchtigten MfS-Offiziere Reuter und Lohr bescheinigten diesem Peter F., daß der Spitzel unter dem zersetzenden Einfluß des Bespitzelten wankelmütig geworden sei und zu denen übergelaufen war, die er eigentlich bekämpfen sollte. Er sei deshalb für die Arbeit an der unsichtbaren Front nicht mehr geeignet.

Muß ich Dir romanhaft ausbreiten, um wieviel es gefährlicher war, aus dem fahrenden Stasi-Zug abzuspringen als in den stehenden erst gar nicht einzusteigen? In meinen Akten findet man etliche Beispiele von Menschen, die sich aus den Armen der Krake befreit haben. Sollen solche Dokumente der Tapferkeit etwa vernichtet werden?

Ich fand zum erstenmal eine detaillierte Darstellung über die Hintergründe der sogenannten Protestresolution der Schriftsteller, unmittelbar nach meiner Ausbürgerung. Wie verschieden sich die Initiatoren und Erst-Unterzeichner verhielten, wie sehr verschieden die Motive! Wie wankelmütig mancher Held! Wie tapfer mancher Angsthase! Stephan Hermlin, Stefan Heym, Jurek Becker, Christa und Gerhard Wolf, Volker Braun, Sarah Kirsch, Günter Kunert, Rolf Schneider. Es muß offensichtlich eine Abhörwanze in Hermlins Wohnzimmer gewesen sein.

All diese Dokumente möchtest Du den Flammen übergeben? Wer sich dermaßen vehement für die Verbrennung einsetzt, wer als Kirchenmann vom Freudenfeuer schwafelt, der schwefelt wie ein Teufel aus der Stasi-Hölle und ist nicht nur von Gott, sondern von allen guten Geistern der praktischen Vernunft verlassen.

Wir leben im Land der Bücherverbrennungen. Deines berühmten Vorgängers Schriften wurden in Köln und Mainz verbrannt. Luther beschränkte sich darauf, 1520 in Wittenberg die gegen ihn gerichtete Päpstliche Bannbulle öffentlich zu verbrennen, und das war zudem kein Freudenfeuer.

Denke an die Eselei 1817 auf dem Wartburgfest der Burschenschaften, wo "reaktionäre Bücher" verbrannt wurden. Du kennst doch Heinrich Heines prophetischen Kommentar: Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen. Die Deutschen haben später die halbe Welt in Brand gesteckt, haben ein ganzes Volk durch den Schornstein gejagt.

Wir starren jetzt auf die Freudenfeuer a la Rostock, Mölln und Solingen in der Glotze. In solch einem Land kokelt man nicht mit politischen Freudenfeuern am Pulverfaß. Natürlich hast Du das alles nienichtso gemeint, _(* Kurz vor seiner Verhaftung, mit ) _(Werftarbeitern 1937 in Hamburg. ) --- S.46 ich hör Dich schon schreien und fluchen. Aber belehre mich jetzt nicht eloquent darüber, daß die Bücher von Bertolt Brecht und Heinrich Heine etwas anderes sind als die Dichtungen von Erich Mielke.

In diesen Akten liegen Lebensdokumente der Opfer, Privatphotos, es finden sich dort amtliche Urteile, die den Verurteilten niemals in die Hand gegeben wurden und mit deren Hilfe sie Wiedergutmachungsansprüche stellen können.

Ich habe in den 40 000 Seiten meiner Akten keine Lügen gefunden. Unsere Feinde waren freilich Feinde und beurteilten alles anders als wir, aber sie waren keine Idioten und haben sich nicht in die eigene Tasche gelogen. Sie gingen davon aus, mußten es ja, daß ihre Herrschaft ewig dauert.

Sie haben sich gelegentlich in Details geirrt, wie jeder Mensch, aber die Tatsachen in den Akten sind grundsätzlich korrekt dargestellt. Zunächst mal ist ein Tisch ein Tisch und ein Spitzel ein Spitzel. Dabei wissen wir doch, daß jeder einzelne Mensch eine Welt ist, abgründig, kompliziert, vielschichtig, widersprüchlich. In diesem romanhaften Sinne ist natürlich auch jeder Täter ein Opfer der Verhältnisse. Aber wir reden hier nicht über Romane.

Ich hatte nun auch Gelegenheit, in einem ehemaligen Stasi-Archiv bei Hoppegarten in Gestapo-Akten über meinen Vater zu lesen, die von der Stasi aus dem Verkehr gezogen worden waren, um sie als moralische Waffe gegen mich zu benutzen. Mein Vater war nämlich auch, wie es im stalinistischen Parteijargon heißt, ein "Abweichler" und wurde innerhalb der KPD vor 1933 deswegen attackiert. Dieser kleine Schlosser-Maschinenbauer im Hamburger Hafen war nicht auf der zynischen Kominternlinie. Mein Vater, Dagobert Biermann, war, anders als Stalins Kreaturen Thälmann, Ulbricht & Co., 1932 der Meinung, daß die Kommunisten gemeinsam mit den Sozialdemokraten gegen den Hitler-Faschismus kämpfen müssen.

Sind die Gestapo-Akten auch nichts wert? Allein die manisch-prophetische Terminangabe für Dein finales Freudenfeuer: der 1. Januar 1996 - provoziert irrsinnige Assoziationen zum Reichstagsbrand. Die Rauchschwaden, die Flammen, die Asche, der Staub.

Staub ist eine zentrale Metapher in George Orwells Roman "1984". Im sogenannten Wahrheitsministerium dieser totalitären Gesellschaft werden die unerwünschten Dokumente immer wieder verbrannt. Die Asche bleibt übrig, und über dem ganzen Land Ozeanien, in jedem Zimmer liegt der Staub. Tief in die Haut eines jeden Menschen eingefressen dieser gräßliche Staub! Es ist der Staub der Geschichtslosigkeit




Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung