Startseite
  Impressum
  Dr. Bilke Antwort
  Appell für unser Land
  Matte Pau
  Stasiopfer zum Thema
  Biermann an Schorlemmer



  Links
   Catharinas HP



Webnews



http://myblog.de/freitag1

Gratis bloggen bei
myblog.de





Bad Rodach, 21. Oktober 2007


Leserbrief zu: Friedrich Schorlemmer „Erinnern und vergessen“ ( 12. Oktober)


Es ist schon verwunderlich, dass auf die leicht widerlegbare DDR-Apotheose Ihres Mitherausgebers Friedrich Schorlemmer „Erinnern und Vergessen“ ( 12. Oktober) nur ein einziger Leserbrief, der noch dazu breite Zustimmung verkündet, eingegangen sein soll und kein ablehnender. Ich habe den Film „Die Frau vom Checkpoint Charlie“ sowohl am 28. September in ARTE als auch am 30. September/1. Oktober im ARD gesehen, samt der Diskussion mit Anne Will und der Dokumentation mit Jutta Gallus. Ich kenne Jutta Gallus, als sie 1982 vor der Bonner DDR-Vertretung in den Hungerstreik trat, um die Ausreise ihrer Kinder zu erzwingen, die ihr nach den Haftjahren im Frauenzuchthaus Hoheneck/Erzgebirge vorenthalten wurden.

Als ehemaliger DDR-Häftling bin ich hocherfreut darüber, dass es nach Florian Henkel von Donnersmarcks Film „Das Leben der Anderen“ solche filmischen Aufarbeitungen der DDR-Geschichte, 18 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer, endlich gibt, und ich bin sicher, dass in zwei, drei Jahrzehnten die Geschichte des SED-Staats in ähnlich intensiver Weise aufgearbeitet werden wird wie die der NS-Zeit 1933/45. Die filmische Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen begann übrigens bereits 1946 mit dem DEFA-Film Wolfgang Staudtes „Die Mörder sind unter uns“.

Für mich wie für alle politischen DDR-Häftlinge war der „Arbeiter- und Bauernstaat“ eine blutige Diktatur. Ich habe sowohl im Zuchthaus Torgau 1962 wie im Zuchthaus Waldheim 1963 miterlebt, wie Strafgefangene, die in der Nacht zuvor ausgebrochen waren, von einer Horde schreiender „Volkspolizisten“, denen die Mordlust in den Gesichtern stand, mit Gummiknüppeln zusammen geschlagen wurden, uns zur Abschreckung! Den „Ausbrechern“ waren die Schädel kahl geschoren worden, ihre Hände lagen in Handschellen, ihre Füße steckten in Holzpantinen, sie waren völlig wehrlos, als sie über den Zuchthaushof geprügelt wurden, und schrieen vor Schmerz. So und nicht anders hat es auch in faschistischen Kerkern nach 1933 ausgesehen!

Aber Friedrich Schorlemmer, das „sanfte Fleisch von Wittenberg“ (Thomas Müntzer über Martin Luther) wird das alles abstreiten, denn er hat in einer ganz anderen DDR gelebt als ich und mein langjähriger Freund Erich Loest, dem ich in seiner Bautzener Einsamkeit helfen wollte, als ich, als Mainzer Student der Literaturwissenschaft, am 6. September 1961 nach Leipzig fuhr, dort Hans Mayer besuchte und einen Tag später auf dem Karl-Marx-Platz verhaftet wurde. Dass ich später, bei dieser Vorgeschichte, meine Dissertation über die in Mainz geborene Anna Seghers schrieb, deren Roman „Das siebte Kreuz“ (1942) ich 1962 in meiner Waldheimer Zelle gelesen hatte, und mich auf DDR-Literatur spezialisierte, grenzt an ein Wunder!

Der Film „Die Frau vom Checkpoint Charlie“, der für unseren Wittenberger Theologen eine „Horrorklamotte“ ist, dürfte aus der Opferperspektive ein authentisches Stück DDR-Aufarbeitung sein, trotz aller Schwächen, wie auch der in der Vorwoche gezeigte Film „Prager Botschaft“. Ich kenne mehrere Frauen, Ellen Thiemann (drei Jahre Hoheneck) beispielsweise, die Dr. Wolfgang Vogel umarmt haben wegen ihres Freikaufs aus DDR-Haft. Wolfgang Vogel und der Westberliner Rechtsanwalt Jürgen Stange stiegen am 25. August 1964 bei Jena in unseren Bus, als wir 800 freigekauften Häftlinge an die „Staatsgrenze West“ gebracht wurden. Damals war auch ich dankbar, aber als ich das Buch Craig R. Whitneys „Advocatus Diaboli . Anwalt zwischen Ost und West“ (1993) gelesen hatte, änderte ich meine Meinung über Wolfgang Vogel.

Ist Friedrich Schorlemmer eigentlich nie aufgefallen, dass es in der DDR keine Gewaltenteilung gab wie in jedem demokratischen Staat? Hat er sich nie gefragt, warum das so war? Dass der SED-Staat „höchste humanistische Ansprüche“ hatte, war mir neu. Der Begriff „Sozialismus“ war doch nur ein Köderwort, um „das Volk“, den „großen Lümmel“ (Heinrich Heine), in dessen Namen man angeblich regierte, ruhig zu halten. Wer protestierte oder alternativ dachte, wurde mit dem Straftatbeständen „staatsfeindliche Hetze“ oder „Staatsverleumdung“ konfrontiert. Und wenn der Wittenberger Schönredner uns rät, wir sollten vergessen und nach vorne blicken, dann frage ich mich, ob er das auch überlebenden KZ-Häftlingen geraten hätte.

Mit freundlichen Grüßen,
Dr. Jörg Bernhard Bilke

Antwort von Herrn Schorlemmer:

----- Original Message -----
From: Friedrich Schorlemmer
To: joerg.bilke@gmx.de
Sent: Monday, October 22, 2007 2:23 PM
Subject: Schorlemmer.doc

Sehr geehrter Herr Bilke, Ihren Brief habe ich nicht bekommen.
Da Sie Literaturwissenschaftler sind, bitte ich Sie, sich den Text nocheinmal vorzunehmen und alles anzumarkern mit rot, was ich kritissch über den SED-Staat geschrieben habe und alles grün, was Ihnen positiv erscheint, wozu aber nicht das gehört, was ich beschreibend und nicht bewertend, wohl aber erklärend zu sagen versucht habe.
Daß Sie meinen Beitrag als "DDR-Apotheose " qualifizuieren, disqualifiziert Sie -- , so sehr ich verstehe, wie tief die Schmezen reichen, die die DDR-Haft hinterlassen hat.
Lassen Sie es gut sein,
zwischen uns wird es kaum Versstehen geben.
Schade.
Miut freundlichem Gruß Friedrich Schorlemmer, freilich weniger auf Seiten des Gewalt-Erlösungspredigers Müntzer, auch gegen Luthers Reaktion..







Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung