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Offener Brief

 

Heinz Oeter                                                                    05.01.08 

Sehr geehrter Herr Schorlemmer,

Ihren Artikel im " Freitag" vom 12.10. 2007 

Erinnern und Vergessen habe
ich gelesen und ich kann ihn nicht unwidersprochen stehen lassen.

Diesen Artikel erhielt ich von informellen Mitarbeitern zugeschickt,
also von Leuten, die ihren moralischen Kompass aus Karrieregründen
abgelegt hatten, kein Unrechtsbewusstsein empfinden, und sich noch nicht
einmal bei denen, deren Vertrauen sie missbrauchten, entschuldigt
haben.
Dieser Klientel scheinen Sie offensichtlich das Wort zu reden.

Den ARD-Film „Die Frau vom Checkpoint Charlie als "Horrorklamotte" zu
bezeichnen ist wirklich eine Unverschämtheit. Das ist ein Spielfilm,
d.h. es gibt die eine oder andere Überhöhung, aber der Kern der Aussage,
dass eine Frau mit ihren beiden Kindern von Ost nach West wollte,
verhaftet, verurteilt, eingesperrt und abgeschoben wurde und einige
Jahre auf ihre Kinder im Westen warten musste, bis diese auch ausreisen
durften, beruht auf  Tatsachen. Auch scheinen Sie nie von
Zwangsadoptionen gehört zu haben.
Dieser Film, wie auch „Das Leben der Anderen“ ist wichtig, damit auch
die letzten Unwissenden aus „Hintertupfingen“ erfahren, was für einen
Unrechtsstaat das SED-Regime regierte. 
Dass die DDR kein souveräner Staat war sondern unter sowjetischem
Kuratel stand, gab selbst Herr Krenz auf der Anklagebank zu. Es ist doch
überflüssig und unzulässig, einen Vergleich mit dem Leben im Gulag oder
mit der Diktatur unter Pinochet zu ziehen. Wir leben in Deutschland und
sollten uns doch mit unseren Diktaturen auseinanderzusetzen, bevor wir
über andere urteilen. 
Ihr Artikel ist ein Schlag ins Gesicht all derer, die unter dem Regime
massiv gelitten haben – politische Häftlinge, Fluchtwillige und Leute,
die sich aus vielerlei Gründen nicht haben verbiegen lassen und deshalb
berufliche Nachteile in Kauf nehmen mussten. Sie erinnern mit Ihrer
Argumentation sehr an Karl Eduard von Schnitzler.

Ich weiß wovon ich rede: ich konnte den SED-Staat bis 1964 in Dresden
und Ostberlin erleben. Nachdem mir die Flucht mit meiner Frau nach
Westberlin gelang, hielt ich seit 1973 kontinuierlich Kontakt mit
Freunden und Bekannten. Die allumfassenden Missstände konnte ich
permanent verfolgen. Meine Geschäftskontakte zwischen Ost und West
dokumentierten die zwei Gesichter der SED-Repräsentanten der
Ostkombinate, denn Fachleute waren weitestgehend ausgegrenzt. Ich gehöre
und gehörte keiner Partei an. 

Ich gestatte mir noch einige kurze Bemerkungen zu Ihren Abschnitten mit
den betreffenden Titeln:

„Die DDR – ein Schreckensstaat ?“
Sie sprechen davon „welche Faszination eine auf Gerechtigkeit und eine
Welt ohne Ausbeutung bedachte sozialistische Idee auf die Bürger
ausübte“.
Diese Faszination hielt bei den Menschen sicherlich unterschiedlich
lange vor. Doch bei klarem Verstand konnten sie frühzeitig erkennen,
dass sie einer Illusion nachgingen.

Aus den zahlreichen Ursachen für die Fehlentwicklung will ich nur wenige
stellvertretend nennen:
- die Misswirtschaft in der Industrie infolge parteiorientierter
Führungskräfte, planwirtschaftlicher Vorgaben und unzureichender
Investitionen.
Schon 1957 war beispielsweise in der bedeutenden Chemieindustrie Buna
und Leuna wie umfassend im ganzen Land der katastrophale
Ausrüstungszustand zu registrieren.
- die rückständige Ausstattung des Verkehrswesens und die
unterhaltungsbedürftigen Verkehrswege,
von der hinterher hinkenden Elektronikindustrie ganz zu schweigen,
usw.…Zur Beurteilung musste man weder Wirtschaftsfachmann noch Techniker
sein, sondern dafür reichte der normale Menschenverstand.

Wer bereits vor dem Mauerbau noch an die vorgenannte Faszination
glaubte, musste blind  oder dumm gewesen sein. Oder hatte von Anfang an
niemand bemerkt, dass die Merkmale eines Rechtsstaates – u. a.
Gewaltenteilung und freie Wahlen – nicht existierten? Die Mehrheit
bückte sich, wohl wissend, dass die Wahrheit auszusprechen strafbar
hätte sein können.

So war es auch kein Wunder, als ich 1990 mehrfach vorgeführt bekam, dass
wir mit 300 Personen mehr produzierten als ein vergleichbares
Unternehmen mit 1000 Personen auf der Ostseite. Daran hatten nicht die
vielen Mitarbeiter schuld, sondern die mangelhafte technische
Ausrüstung, das planwirtschaftliche Umfeld und die sog. Kaderpolitik für
Führungskräfte.

„Wie der DDR gerecht werden?“   
Ihre Aussage: „Ich halte diesen Sieg des kapitalistischen
Wirtschaftssystems, das alles und jedes durchdringt – und dies zu einem
Zeitpunkt, da es eine sozialistische Alternative nicht mehr gibt – für
verheerend.“
Die sozialistische Alternative ist Jahrzehnte lang fehlgeschlagen. Die
Ursachen sind ausreichend bekannt. 
Im Verlauf der letzten 40 Jahre sind nach meiner Schätzung mindestens
50% der Arbeitsplätze weggefallen. Das Thema Arbeitslosigkeit hat an
erster Stelle etwas mit der technischen Entwicklung zu tun, auf die der
Staat nur  bedingt Einfluss ausüben kann. Wohin allerdings eine
Subventionierung aller Sozialbereiche führte, das konnten wir vor 1989
im Osten wunderbar erleben. Von den Errungenschaften im Sozialbereich
schwärmen heute noch einige und verschweigen, dass die Finanzierung
dafür eine der Ursachen des wirtschaftlichen Untergangs bedeutete. Da
sich Fehler bekanntlich in der Geschichte wiederholen, wäre zu
befürchten, dass Ihre sozialistische Alternative eines Tages erneut zum
Kollaps führen würde.

Sie benennen fünf grundsätzliche Voraussetzungen, um sich ein
zutreffendes Urteil über die DDR nachträglich bilden zu können.

Zu erstens: 
Die großen humanistischen Werte leuchteten am Horizont der Geschichte.
Das muß wohl mehr Ihr Traum gewesen sein. Da ich zehn Jahre älter bin
als Sie, können Sie diesen Horizont wohl nur von historischen
Traumtänzern übernommen haben.

Zu zweitens:
Das war nicht nur ein nicht bedingt souveräner Staat, sondern ein mit
Hilfe einer Diktatur für 40 Jahre erhaltener und ferngesteuerter Staat,
bis dem Fernsteuerer die  Luft versagte.
Wer kann sich denn nicht erinnern, wenn einem in den Schulen ständig die
grandiosen Errungenschaften der Sowjetunion vorgeführt und Hass erfüllt
zum Vergleich die Erfolglosigkeit der Schlotbarone und Krautjunker
präsentiert wurden – ganz abgesehen von der dauerhaften Unfähigkeit,
„einzuholen und zu überholen“. Die Phrasendrescherei der SED-
Polemik kann wohl heute kaum noch jemand glauben, der es nicht jahrelang
mit anhören musste. An den Phrasen offiziell zu zweifeln konnte auch im
Knast enden!

Zu drittens:
Ihr Glaube, dass die DDR-Bürger nicht davon ausgingen, dass die DDR bald
untergehen würde ist eine Fehleinschätzung besonderer Art. Das hofften
allerdings ein bestimmter Teil  der Bevölkerung  – viele IM, die
Mitarbeiter des MfS, die Mitglieder der Volkspolizei und die fanatischen
SED-Mitglieder.

Zu viertens:
Die damaligen Umstände zur Beurteilung des Lebens in der DDR werden
durch immer mehr sachbezogene Veröffentlichungen bekannt. Sie werden hin
und wieder insbesondere von regimetreuen Personen schöngeredet, was an
den Tatsachen jedoch nichts ändert.

Zu fünftens:
Eine Fokussierung auf die Staatssicherheit wird Ihrer Meinung nach dem
Leben in der DDR nicht gerecht. Es solle nicht vollends verdeckt werden,
dass es nach Ihrer Meinung auch reiches, glückliches authentisches und
aufrechtes Leben gab. Diese Charakteristik entbehrt allerdings einer
gewissen Komik nicht.
Wie flächendeckend die Überwachung war, stelle ich anhand von Zahlen am
Schluss zusammen. Darüber kann sich dann jeder ein Bild von den
tatsächlichen Verhältnissen machen.

„Mit Erinnerungen leben“
Eine wesentliche Voraussetzung, um vergeben zu können, erfordert eine
frei von Schönfärberei gezeichnete Zeit zwischen 1949 und 1989. Leider
trifft das bisher nur in Ausnahmefällen zu. Das daraus erzeugte
Misstrauen ist keine ausreichende Grundlage, um vergessen zu können.
Ihre Ausführungen fördern das Gegenteil von dem, was Sie einfordern. Zur
Blockade der Zukunft tragen  Sie bei, ohne dass Sie es wohl
beabsichtigen.

Überwachung:
Die vorgenannten Ausführungen sollen ergänzt werden mit einem Hinweis
auf die Überwachung.
Sie sagen: „Es gab eben wahres Leben im so genannten falschen System –
aufrechtes Leben in mitten gebückter Gehorsamkeit“.

Die Bevölkerung befand sich 1988 in folgender Situation:
- ca. 91000 Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit  .
      -     ca. 80000 Mitarbeiter der Volkspolizei ( Vopo .
- ca. 173000 informelle Mitarbeiter des MfS ( IM .
- ca. 2,3 Mio. SED-Mitglieder.
- ca.16,4 Mio. Einwohner
Die für die Überwachung in Frage kommende Bevölkerung bewegte sich im
Alter zwischen 18 und 75 Jahren. Damit ergibt sich eine zu überwachende
Bevölkerung über ca. 57 Jahre, d.h. 16,4 x 57/75 = 12,464 Mio.
Einwohner.
Da die SED-Mitglieder zum großen Teil nicht zu überwachen waren,
reduziert sich der Bevölkerungsumfang um ca. 2 Mio. SED-Mitglieder auf
ca. 10,5 Mio. Einwohner. Wenn es nur die 173000 IM zur Überwachung
gewesen wären, ergeben sich:
      10,5 /0,173 = ca. 60 Einwohner im Mittel für einen IM. 
      
Tatsächlich hat die Volkspolizei auch überwacht. Danach ergeben sich
      10,5/(0,173 + 0,080) = ca. 41,5 Einwohner, d.h.
       
      2 IM und 1 Vopo waren im Mittel für 83 Einwohner im Einsatz.

In Wirklichkeit spielte der Einfluss zahlreicher SED-Mitglieder auf die
täglichen Abläufe der Bevölkerung eine zusätzliche bedeutende Rolle. All
die vorgenannten Überwachungs -institutionen verursachten die Abkapslung
der Bevölkerung in sog. Nischen. Von Ausnahmen abgesehen, war die
Bevölkerung flächendeckend unter Kontrolle. Viele der Betroffenen
erfuhren das erst nach 1989!

Herr Schorlemmer, da können Sie noch so lange vom wahren Leben sprechen,
oder mit Ihren Worten davon ausgehen, dass das zusätzlich noch reich,
glücklich, authentisch und aufrecht war – es ändert nichts an den
traurigen Tatsachen.
Ein fortlaufender Realitätsverlust ist wohl nicht zu übersehen. Der
Appell vom 26.11.1989 „Für unser Land“ (Eigenständigkeit der DDR
erhalten…, Ihre Forderung nach Amnestie und einem flankierenden
Schlussgesetz 1999 (Straffreiheit für Verurteilte… setzt sich fort mit
der Strategie dieses Artikels (Unrechtsstaat ja, aber…. Damit sorgen Sie
auch dafür, dass nicht vergessen werden kann, solange die Vergangenheit
– um es vorsichtig auszudrücken - verwässert dargestellt wird. 

Mit freundlichen Grüßen 

7.1.08 15:54
 



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