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Verharmlosung

Nachfolgend ein Beispiel, wie die Geschichte der DDR verharmlost wird !

.....und die richtige Antwort darauf.

21.2.08 16:55


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Freitag

 

12.10.2007


 

Friedrich Schorlemmer

Erinnern und Vergessen

 

 

ALTES ÜBEL - NEUES SPIEL*Der lange Schatten der DDR und die Vergangenheitspolitik

Eine zweiteilige Horrorklamotte Die Frau vom Checkpoint Charlie - mit geradezu demagogischen Rührseligkeitsingredienzien garniert - lief über das menschenverachtende DDR-System mit der Absicht nachholender Drachentöterei am 30. September und 1. Oktober im ARD-Programm zu bester Sendezeit. Dazu gab es eine nachträgliche Dokumentation, die manches in rechte Licht rückte, zwischendrin eine insgesamt missglückte Anne-Will-Talkshow unter dem Titel Der lange Schatten der DDR - Unrecht vergeht nicht.

Weit davon entfernt, nach eigener, drei Jahrzehnte bewusst erlebter DDR-Erfahrung dieses Gesellschaftssystem irgendwie schönzureden, bin ich doch frei davon, dieses Land zu dämonisieren, auf dass es als eines der furchtbarsten Systeme der Weltgeschichte erscheint.

Die DDR - ein Schreckensstaat?

Das Unrecht in Diktaturen lässt sich im Blick auf einzelne Opfer schwer vergleichen oder gar mit Opferzahlen aufrechnen. Freilich sollten schon die Relationen gewahrt werden, wenn man ein politisches System beurteilt, so schwer das auch dem Einzelnen, der darin gelitten hat, verständlich zu machen ist. (Was aber empfindet ein Auschwitz-Überlebender, wenn er von der DDR als "zweiter deutscher Diktatur" hört?)

Ich bin weit davon entfernt zu relativieren oder zu leugnen, was die Sicherheitsorgane der DDR - zumal in ihren berüchtigten Haftanstalten wie im Zuchthaus Bautzen oder in Hoheneck - an menschenverachtenden und menschenzersetzenden Praktiken gepflegt haben. Ich bin frei davon, die abschreckende politische Strafjustiz in irgendeiner Weise zu rechtfertigen, frei davon, die ideologische Anmaßung der SED klein zu reden - und doch war all das nicht für das ganze Leben in der DDR bestimmend. Es gab eben wahres Leben im so genannten falschen System - aufrechtes Leben inmitten gebückter Gehorsamkeit.

Wer wusste, was ihm bei jeglicher Dissidenz drohen konnte, musste seine eigene Kraft taxieren und sich fragen, wie er als Widerständiger oder Ausreiser mit Fluchtversuch durchhalten würde, sollten die Sicherheitsorgane zuschlagen. Von ihrer politischen Strafjustiz her war die DDR ein Unrechtsstaat - doch im Zivilrechtlichen durchaus an überkommene bürgerliche Normen gebunden.

Fiktion und Wirklichkeit: Im November 1988 bedankten sich Frau Gallus und ihre beiden Töchter - der Fall diente als Vorlage für den erwähnten Film - bei Rechtsanwalt Wolfgang Vogel mit einem persönlichen Brief aus München. Bei der ARD erscheint Vogel als abgefeimter Büttel des Stasistaates, denn dieser Film erfüllt alle Regeln von Demagogie und nachholender Verhetzung, auch wenn er aufgreift, welchen Repressionen einzelne Ausreiser ausgesetzt waren.

Es gab viel Schreckliches, was im Namen großer Ideen angerichtet wurde. Die Dirigentin des Arbeiter- und Mauernstaates war dabei nicht bloß die Überzeugung, die man "Bewusstsein" nannte, sondern die von oben bis unten reichende Angst, die Bewachte und Bewacher in vergleichbarer Weise erfasste. Dennoch war die DDR kein Schreckensstaat; innerhalb des ummauerten Gemeinwesens gab es mehr Auslauf als die meisten wahrnahmen. Der deutsche Duckmäuser war diesmal einfach rot, nachdem er schwarz und braun gewesen war.

Doch: Wer hätte tauschen wollen? Wer hätte als Demokrat in Pinochets Chile leben wollen, wo kritische Liedermacher nicht ausgebürgert, sondern mit zuvor gebrochenen Händen den Foltertod sterben mussten? Wer hätte als Schriftsteller tauschen wollen mit Julij Daniel, der noch zu Breschnews Zeiten in den GULAG kam, anstatt im Westen publizieren zu dürfen? Wer hätte tauschen wollen mit einem Kritiker des Schahs in Persien, einem Gegner der Diktatoren Franco oder Somoza oder einem Intellektuellen im Kambodscha Pol Pots?

Kein Zweifel, im Rückblick muss all das, was in der DDR entwürdigend und menschenverachtend war, auch benannt werden, aber nicht ohne die Existenzbedingungen eines durch den Zweiten Weltkrieg geteilten Deutschlands, ohne den großen Wettkampf der Systeme zu beachten. Nicht, ohne im Blick zu behalten, welche Faszination eine auf Gerechtigkeit und eine Welt ohne Ausbeutung bedachte sozialistische Idee auf die Bürger ausübte, die fest glaubten, mit Hilfe der sozialistischen Kaderpartei der großen Menschheitsidee einen gesellschaftlichen Leib geben zu können. Wer loyal war, meinte auch Härte zeigen zu müssen, weil eben eine Revolution nur so viel wert sei, wie sie sich zu verteidigen verstehe (Lenin).

Gewiss ist Erinnerung nötig; sie ist schließlich unser Reichtum und sorgt für unsere Unverwechselbarkeit. Wer allerdings bei negativen Erinnerungen verharrt, sich in ihnen verkrallt und sie hernach instrumentalisiert, um heutiges Tun und Lassen zu rechtfertigen, weiß nichts mehr von der erlösenden Kraft, die Erinnerung bewirken kann. Der bleibt fixiert auf Vergangenheit, gar neurotisch daran gebunden.

Der mit großer Werbung bedachte Sendekomplex der ARD war dazu angetan, Vergangenheit aufzurühren und das Menschenverachtende des DDR-Systems auf eine Weise ins Blickfeld zu rücken, dass eigentlich nur noch Abscheu übrigbleiben konnte. Ganz anders die Tragikkomödie Sehnsucht nach drüben vom 3. Oktober 2007, die mit Leichtigkeit - ohne Seichtheit - deutsch-deutsche Verhältnisse bis zum 9. November 1989 ins Spiel brachte.

In mir kam bei allem alles wieder hoch, was ich mit den so genannten Staatsorganen selber erlebt oder erfahren hatte. Was war das für ein Staat des prinzipiell Neuen, der mit höchsten humanistischen Ansprüchen auftrat und Menschen, die Freiheit wollten, so niedermachte?

Empört hat mich - in umgekehrter Weise -, wie das Drehbuch zum Film Die Frau vom Checkpoint Charlie alles Schreckliche aus der DDR (bis hin zu peinlichen Übertreibungen wie der fingierten Nachricht für die Kinder vom Unfalltod der Mutter) auf eine einzige Person hin zuschneidet, bis die DDR als ein einziges Land des Schreckens erscheint und der Eindruck entsteht, dies müsse wieder und wieder erinnert werden, um die DDR noch einmal und noch einmal töten, delegitimieren und zugleich vor der heutigen politischen Linken warnen zu können, die sich angeblich von diesen Praktiken nicht oder nicht genug abgesetzt hat.

Wenn man schon die ganze Unrechtsgeschichte gegen die Ausreiser in eine einzige Familiengeschichte hineinwirft, hätte dies nicht ohne die komplizierte Rolle geschildert werden dürfen, die die Ständige Vertretung der Bundesrepublik in der DDR und Anwalt Wolfgang Vogel durch ihre Hilfe für Einzelne gespielt haben. Es hätte zumindest anklingen müssen, wie impulsgebend für einen friedlichen Umbruch im gesamten Sowjetblock der KSZE-Prozess, die Schlussakte von Helsinki und die Entspannungspolitik überhaupt seit 1969 wirkten.

So aber wird erinnerte Vergangenheit unversehens zur Vergangenheitspolitik - der Kampf gegen eine überwundene Ideologie zur ideologisch getränkten Argumentation. Als ob nicht einzelne Individuen - wie die demokratische Gesellschaft insgesamt - gut daran täten, der Vergangenheit nicht zu erlauben, Gegenwart zu beherrschen und Zukunft zu blockieren.

Wie der DDR gerecht werden?

Ein Doppeltes ist nötig: Erinnern und In-Ruhe-lassen, Vergessen und Wach-Halten. Diesem Anspruch scheint die Literatur noch am besten gerecht zu werden, zu der Christa Wolf in ihrem Buch Lesen und Schreiben anmerkte: Prosa "baut tödliche Vereinfachungen ab", sie unterstütze das "Subjektwerden des Menschen", und sie "hält die Erinnerung an eine Zukunft in uns wach, von der wir uns bei Strafe unseres Untergangs nicht lossagen dürfen" (1968).

Ein Staat, der Stacheldraht und Mauerwerk braucht, um seine Bürger zu halten, ist auf Dauer weder lebensfähig noch lebenswürdig. Ein Land, das seine Bürger nicht freiwillig zum Verbleiben und Mitgestalten gewinnen kann, zerbricht an den eigenen Widersprüchen - zumal dann, wenn große humanistische Ziele auf der Fahne stehen und die Führung an Wirklichkeitsallergie leidet.

Ein Land, das eine wissenschaftliche Ideologie verordnet und den Zweifel daran kriminalisiert, kann die schöpferischen Kräfte, die in den Menschen stecken, nicht freisetzen, sondern diese nur zeitweise in Gläubigkeit an sich binden. Ein Staat, der die Gesellschaft zum Eigentum einer Partei macht, kann das menschliche Glück nur verordnen und den einzelnen Menschen nur als Teil der Masse des Kollektivs würdigen, also seiner Würde als Einzelnem berauben.

Ein Staat, der einen enormen Sicherheitsapparat braucht, aber zugleich vorgibt, sich eines objektiven Geschichtsverlaufs zum Sozialismus sicher zu sein, macht anpasslerische Schizophrenie zum Prinzip und betreibt eine Vormundschaft, die den Bürgern das Wagnis der Mündigkeit erspart.

Sozialistische Ideen haben, seit der Marxismus-Leninismus den emanzipatorischen Sozialismus ruiniert hat, auf absehbare Zeit keine Chance mehr, gesellschaftlich gestaltet zu werden. Ich halte diesen Sieg des kapitalistischen Wirtschaftssystems, das alles und jedes durchdringt - und dies zu einem Zeitpunkt, da es eine sozialistische Alternative nicht mehr gibt - für verheerend.

Zu beobachten ist die einseitige Erregung nach rückwärts; die eifrigen Vergangenheitsaufarbeiter lassen eine Empörung über heutiges Unrecht weithin vermissen. Da ist viel Mut, geschlagene Schlachten noch einmal zu kämpfen, aber wenig Wachheit gegenüber den Drachen von heute.

Fünf grundsätzliche Voraussetzungen wären zu benennen, aus denen sich ein zutreffenderes Urteil über die DDR nachträglich bilden könnte:

Erstens, nach Zusammenbruch und Befreiung bot sich vielen in der sowjetischen Besatzungszone - später der DDR - die sozialistische Idee als durchaus faszinierende Alternative an. Große humanistische Werte leuchteten am Horizont der Geschichte. Man entwickelte ein geschlossenes, scheinbar in sich schlüssiges Gedankensystem, das Schwierigkeiten als zeitbedingte Widersprüche empfand. Aber was waren die gegen Arbeit, Gesundheit, Kultur, Bildung, Gleichberechtigung, Frieden, Völkerverständigung? Wer dem einmal - und sei es aus biographisch nachvollziehbaren Gründen - gefolgt war, dem fiel es schwer, sich wieder zu lösen.

Zweitens, die DDR ist nicht zu verstehen, ohne sie als Teil der Nachkriegsordnung, als Faustpfand der Sowjetunion und Teil der Systemkonfrontation zu verstehen. Die DDR war daher ein bedingt souveräner Staat.

Drittens, da die DDR nur als Teil der deutschen Nachkriegsgeschichte begriffen werden kann, ist es nötig, dem geteilten Land eine ungeteilte Geschichte zu schreiben - stets die Wechselwirkungen berücksichtigend. Peter Bender hat dies bisher mit seinem Buch Deutschlands Wiederkehr. Eine ungeteilte Nachkriegesgeschichte 1945-1990 (2007) als Einziger getan. Man versteht das (anpasslerische) Verhalten von DDR-Bürgern nur richtig, wenn man davon ausgeht, dass keiner davon ausgehen konnte, dass die DDR bald untergehen oder die Sowjetunion je wieder die deutsche Einheit zulassen würde. (Nachhaltig wirkte dort der Schock des 22. Juni 1941.)

Viertens, wer heute über das Leben in der DDR urteilt, ohne die damaligen Umstände zu berücksichtigen, kommt zu falschen Schlüssen, zumal die DDR-Bürger seit 1961 eingemauert waren. Man mache sich etwa die Notlage eines 18-jährigen Grenzsoldaten klar, der sich für drei Jahre verpflichtet hat, um Medizin studieren zu können: Dessen Angst vor einem Flüchtling, obwohl er die Kalaschnikow - oder weil er die Kalaschnikow in der Hand und eine Vergatterung im Ohr hat.

Fünftens, beim Urteil über das Leben in der DDR wird eine Fokussierung auf die Staatssicherheit diesem Leben nicht gerecht. Selbstredend müssen deren Machenschaften zur Sprache kommen und Opfer entschädigt werden. Aber davon darf nicht vollends verdeckt werden, dass es in der DDR auch reiches, glückliches, authentisches und aufrechtes Leben gab.

Mit Erinnerungen leben

Jeder lebt mit Erinnerungen und auch von Erinnerungen, die stärken oder niederdrücken. Jedes Erinnern - durch Erzählen, Aufschreiben oder Dialog mit sich selbst (Nach-Denken!) - macht das Vergangene wieder ganz gegenwärtig, so dass Erinnern in einen inneren Erregungszustand versetzt, der erfreulich ist, bedrückend wirkt oder wütend macht - Euphorie, Depression oder Aggression auslöst.

Erinnern ist ebenso wie Vergessen etwas durchaus Ambivalentes. Es gibt das klärende, das bereichernde, das läuternde Erinnern - daneben das selbst zerstörerische und belastende, das in ein neurotisiertes Nicht-Vergessen-Wollen münden kann.

Wir können als Menschen nur leben, wenn wir Erinnern und Vergessen. Es gibt ein befreiendes Vergessen, so wie es ein feiges, verschleierndes und verlogenes Vergessen gibt. Vergessenkönnen kann für einen Menschen, der Schlimmes in seinem Leben durchmachen musste (ob durch Schicksalsschläge oder durch Verschulden anderer), eine Gnade sein. Ebenso kann Nicht-Vergessen-Wollen oder Nicht-Vergessen-Können dem Betroffenen zur täglich erneuerten Last geraten.

Erinnern und Vergessen kommen hilfreich zusammen, wo ein Mensch gegenüber einem anderen Vergeben lernt oder sich vergeben lässt. Damit wird Geschehenes nicht ungeschehen gemacht - aber es verliert seine Last und die daraus entspringende Sucht zu strafen.

Die Griechen sprachen von einer "Kunst des Vergessens", damit nicht jeder Tag zur dauernden Nacht wird oder altes Übel neues Übel gebiert. "Das eben ist der Fluch der bösen Tat, dass sie fortzeugend immer Böses muss gebären" (Schiller).

Wenn wir nicht vergessen könnten (wenigstens zeitweise Vergangenheitslasten und gestrige Schmerzen des Leibes und der Seele ausklammern), würden wir unseres Lebens - zum Beispiel nach dem Verlust eines lieben Menschen - nie mehr froh. Trotzdem bleibt der Verlust präsent. Der in unserem Leben Vermisste wird dadurch nicht ausgelöscht, dass er nicht täglich vor Augen steht.

Die heilsame Dimension des Vergessens kann man als Begraben des Bedrückenden verstehen - als ein Erinnern am Grabe alles dessen, was endlich "beerdigt" werden konnte und eben nicht wieder auferstehen soll, sondern zugeschüttet wird, im besten Sinne des Wortes "zugeschüttet" wird.

Solches Vergessen und Begraben des Vergangenen ist nicht nur eine psychologische, sondern auch eine politische Leistung, die einschließt, alles Menschenmögliche zu tun, dass nie wieder Verhältnisse entstehen, in denen Menschen entwürdigt leben müssen.

1938 hatte Brecht in seinem Gedicht An die Nachgeborenen formuliert:

"Auch der Hass gegen die Niedrigkeit
Verzerrt die Züge.
Auch der Zorn über das Unrecht
Macht die Stimme heiser. Ach, wir
Die wir den Boden bereiten wollten für
Freundlichkeit
Konnten selber nicht freundlich sein."

Wir könnten es.

7.1.08 15:56


Offener Brief

 

Heinz Oeter                                                                    05.01.08 

Sehr geehrter Herr Schorlemmer,

Ihren Artikel im " Freitag" vom 12.10. 2007 

Erinnern und Vergessen habe
ich gelesen und ich kann ihn nicht unwidersprochen stehen lassen.

Diesen Artikel erhielt ich von informellen Mitarbeitern zugeschickt,
also von Leuten, die ihren moralischen Kompass aus Karrieregründen
abgelegt hatten, kein Unrechtsbewusstsein empfinden, und sich noch nicht
einmal bei denen, deren Vertrauen sie missbrauchten, entschuldigt
haben.
Dieser Klientel scheinen Sie offensichtlich das Wort zu reden.

Den ARD-Film „Die Frau vom Checkpoint Charlie als "Horrorklamotte" zu
bezeichnen ist wirklich eine Unverschämtheit. Das ist ein Spielfilm,
d.h. es gibt die eine oder andere Überhöhung, aber der Kern der Aussage,
dass eine Frau mit ihren beiden Kindern von Ost nach West wollte,
verhaftet, verurteilt, eingesperrt und abgeschoben wurde und einige
Jahre auf ihre Kinder im Westen warten musste, bis diese auch ausreisen
durften, beruht auf  Tatsachen. Auch scheinen Sie nie von
Zwangsadoptionen gehört zu haben.
Dieser Film, wie auch „Das Leben der Anderen“ ist wichtig, damit auch
die letzten Unwissenden aus „Hintertupfingen“ erfahren, was für einen
Unrechtsstaat das SED-Regime regierte. 
Dass die DDR kein souveräner Staat war sondern unter sowjetischem
Kuratel stand, gab selbst Herr Krenz auf der Anklagebank zu. Es ist doch
überflüssig und unzulässig, einen Vergleich mit dem Leben im Gulag oder
mit der Diktatur unter Pinochet zu ziehen. Wir leben in Deutschland und
sollten uns doch mit unseren Diktaturen auseinanderzusetzen, bevor wir
über andere urteilen. 
Ihr Artikel ist ein Schlag ins Gesicht all derer, die unter dem Regime
massiv gelitten haben – politische Häftlinge, Fluchtwillige und Leute,
die sich aus vielerlei Gründen nicht haben verbiegen lassen und deshalb
berufliche Nachteile in Kauf nehmen mussten. Sie erinnern mit Ihrer
Argumentation sehr an Karl Eduard von Schnitzler.

Ich weiß wovon ich rede: ich konnte den SED-Staat bis 1964 in Dresden
und Ostberlin erleben. Nachdem mir die Flucht mit meiner Frau nach
Westberlin gelang, hielt ich seit 1973 kontinuierlich Kontakt mit
Freunden und Bekannten. Die allumfassenden Missstände konnte ich
permanent verfolgen. Meine Geschäftskontakte zwischen Ost und West
dokumentierten die zwei Gesichter der SED-Repräsentanten der
Ostkombinate, denn Fachleute waren weitestgehend ausgegrenzt. Ich gehöre
und gehörte keiner Partei an. 

Ich gestatte mir noch einige kurze Bemerkungen zu Ihren Abschnitten mit
den betreffenden Titeln:

„Die DDR – ein Schreckensstaat ?“
Sie sprechen davon „welche Faszination eine auf Gerechtigkeit und eine
Welt ohne Ausbeutung bedachte sozialistische Idee auf die Bürger
ausübte“.
Diese Faszination hielt bei den Menschen sicherlich unterschiedlich
lange vor. Doch bei klarem Verstand konnten sie frühzeitig erkennen,
dass sie einer Illusion nachgingen.

Aus den zahlreichen Ursachen für die Fehlentwicklung will ich nur wenige
stellvertretend nennen:
- die Misswirtschaft in der Industrie infolge parteiorientierter
Führungskräfte, planwirtschaftlicher Vorgaben und unzureichender
Investitionen.
Schon 1957 war beispielsweise in der bedeutenden Chemieindustrie Buna
und Leuna wie umfassend im ganzen Land der katastrophale
Ausrüstungszustand zu registrieren.
- die rückständige Ausstattung des Verkehrswesens und die
unterhaltungsbedürftigen Verkehrswege,
von der hinterher hinkenden Elektronikindustrie ganz zu schweigen,
usw.…Zur Beurteilung musste man weder Wirtschaftsfachmann noch Techniker
sein, sondern dafür reichte der normale Menschenverstand.

Wer bereits vor dem Mauerbau noch an die vorgenannte Faszination
glaubte, musste blind  oder dumm gewesen sein. Oder hatte von Anfang an
niemand bemerkt, dass die Merkmale eines Rechtsstaates – u. a.
Gewaltenteilung und freie Wahlen – nicht existierten? Die Mehrheit
bückte sich, wohl wissend, dass die Wahrheit auszusprechen strafbar
hätte sein können.

So war es auch kein Wunder, als ich 1990 mehrfach vorgeführt bekam, dass
wir mit 300 Personen mehr produzierten als ein vergleichbares
Unternehmen mit 1000 Personen auf der Ostseite. Daran hatten nicht die
vielen Mitarbeiter schuld, sondern die mangelhafte technische
Ausrüstung, das planwirtschaftliche Umfeld und die sog. Kaderpolitik für
Führungskräfte.

„Wie der DDR gerecht werden?“   
Ihre Aussage: „Ich halte diesen Sieg des kapitalistischen
Wirtschaftssystems, das alles und jedes durchdringt – und dies zu einem
Zeitpunkt, da es eine sozialistische Alternative nicht mehr gibt – für
verheerend.“
Die sozialistische Alternative ist Jahrzehnte lang fehlgeschlagen. Die
Ursachen sind ausreichend bekannt. 
Im Verlauf der letzten 40 Jahre sind nach meiner Schätzung mindestens
50% der Arbeitsplätze weggefallen. Das Thema Arbeitslosigkeit hat an
erster Stelle etwas mit der technischen Entwicklung zu tun, auf die der
Staat nur  bedingt Einfluss ausüben kann. Wohin allerdings eine
Subventionierung aller Sozialbereiche führte, das konnten wir vor 1989
im Osten wunderbar erleben. Von den Errungenschaften im Sozialbereich
schwärmen heute noch einige und verschweigen, dass die Finanzierung
dafür eine der Ursachen des wirtschaftlichen Untergangs bedeutete. Da
sich Fehler bekanntlich in der Geschichte wiederholen, wäre zu
befürchten, dass Ihre sozialistische Alternative eines Tages erneut zum
Kollaps führen würde.

Sie benennen fünf grundsätzliche Voraussetzungen, um sich ein
zutreffendes Urteil über die DDR nachträglich bilden zu können.

Zu erstens: 
Die großen humanistischen Werte leuchteten am Horizont der Geschichte.
Das muß wohl mehr Ihr Traum gewesen sein. Da ich zehn Jahre älter bin
als Sie, können Sie diesen Horizont wohl nur von historischen
Traumtänzern übernommen haben.

Zu zweitens:
Das war nicht nur ein nicht bedingt souveräner Staat, sondern ein mit
Hilfe einer Diktatur für 40 Jahre erhaltener und ferngesteuerter Staat,
bis dem Fernsteuerer die  Luft versagte.
Wer kann sich denn nicht erinnern, wenn einem in den Schulen ständig die
grandiosen Errungenschaften der Sowjetunion vorgeführt und Hass erfüllt
zum Vergleich die Erfolglosigkeit der Schlotbarone und Krautjunker
präsentiert wurden – ganz abgesehen von der dauerhaften Unfähigkeit,
„einzuholen und zu überholen“. Die Phrasendrescherei der SED-
Polemik kann wohl heute kaum noch jemand glauben, der es nicht jahrelang
mit anhören musste. An den Phrasen offiziell zu zweifeln konnte auch im
Knast enden!

Zu drittens:
Ihr Glaube, dass die DDR-Bürger nicht davon ausgingen, dass die DDR bald
untergehen würde ist eine Fehleinschätzung besonderer Art. Das hofften
allerdings ein bestimmter Teil  der Bevölkerung  – viele IM, die
Mitarbeiter des MfS, die Mitglieder der Volkspolizei und die fanatischen
SED-Mitglieder.

Zu viertens:
Die damaligen Umstände zur Beurteilung des Lebens in der DDR werden
durch immer mehr sachbezogene Veröffentlichungen bekannt. Sie werden hin
und wieder insbesondere von regimetreuen Personen schöngeredet, was an
den Tatsachen jedoch nichts ändert.

Zu fünftens:
Eine Fokussierung auf die Staatssicherheit wird Ihrer Meinung nach dem
Leben in der DDR nicht gerecht. Es solle nicht vollends verdeckt werden,
dass es nach Ihrer Meinung auch reiches, glückliches authentisches und
aufrechtes Leben gab. Diese Charakteristik entbehrt allerdings einer
gewissen Komik nicht.
Wie flächendeckend die Überwachung war, stelle ich anhand von Zahlen am
Schluss zusammen. Darüber kann sich dann jeder ein Bild von den
tatsächlichen Verhältnissen machen.

„Mit Erinnerungen leben“
Eine wesentliche Voraussetzung, um vergeben zu können, erfordert eine
frei von Schönfärberei gezeichnete Zeit zwischen 1949 und 1989. Leider
trifft das bisher nur in Ausnahmefällen zu. Das daraus erzeugte
Misstrauen ist keine ausreichende Grundlage, um vergessen zu können.
Ihre Ausführungen fördern das Gegenteil von dem, was Sie einfordern. Zur
Blockade der Zukunft tragen  Sie bei, ohne dass Sie es wohl
beabsichtigen.

Überwachung:
Die vorgenannten Ausführungen sollen ergänzt werden mit einem Hinweis
auf die Überwachung.
Sie sagen: „Es gab eben wahres Leben im so genannten falschen System –
aufrechtes Leben in mitten gebückter Gehorsamkeit“.

Die Bevölkerung befand sich 1988 in folgender Situation:
- ca. 91000 Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit  .
      -     ca. 80000 Mitarbeiter der Volkspolizei ( Vopo .
- ca. 173000 informelle Mitarbeiter des MfS ( IM .
- ca. 2,3 Mio. SED-Mitglieder.
- ca.16,4 Mio. Einwohner
Die für die Überwachung in Frage kommende Bevölkerung bewegte sich im
Alter zwischen 18 und 75 Jahren. Damit ergibt sich eine zu überwachende
Bevölkerung über ca. 57 Jahre, d.h. 16,4 x 57/75 = 12,464 Mio.
Einwohner.
Da die SED-Mitglieder zum großen Teil nicht zu überwachen waren,
reduziert sich der Bevölkerungsumfang um ca. 2 Mio. SED-Mitglieder auf
ca. 10,5 Mio. Einwohner. Wenn es nur die 173000 IM zur Überwachung
gewesen wären, ergeben sich:
      10,5 /0,173 = ca. 60 Einwohner im Mittel für einen IM. 
      
Tatsächlich hat die Volkspolizei auch überwacht. Danach ergeben sich
      10,5/(0,173 + 0,080) = ca. 41,5 Einwohner, d.h.
       
      2 IM und 1 Vopo waren im Mittel für 83 Einwohner im Einsatz.

In Wirklichkeit spielte der Einfluss zahlreicher SED-Mitglieder auf die
täglichen Abläufe der Bevölkerung eine zusätzliche bedeutende Rolle. All
die vorgenannten Überwachungs -institutionen verursachten die Abkapslung
der Bevölkerung in sog. Nischen. Von Ausnahmen abgesehen, war die
Bevölkerung flächendeckend unter Kontrolle. Viele der Betroffenen
erfuhren das erst nach 1989!

Herr Schorlemmer, da können Sie noch so lange vom wahren Leben sprechen,
oder mit Ihren Worten davon ausgehen, dass das zusätzlich noch reich,
glücklich, authentisch und aufrecht war – es ändert nichts an den
traurigen Tatsachen.
Ein fortlaufender Realitätsverlust ist wohl nicht zu übersehen. Der
Appell vom 26.11.1989 „Für unser Land“ (Eigenständigkeit der DDR
erhalten…, Ihre Forderung nach Amnestie und einem flankierenden
Schlussgesetz 1999 (Straffreiheit für Verurteilte… setzt sich fort mit
der Strategie dieses Artikels (Unrechtsstaat ja, aber…. Damit sorgen Sie
auch dafür, dass nicht vergessen werden kann, solange die Vergangenheit
– um es vorsichtig auszudrücken - verwässert dargestellt wird. 

Mit freundlichen Grüßen 

7.1.08 15:54





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